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Global Affairs by Elena · Telegram · Beitrag

Energiehandel: Russischer Diesel und Europas Abhängigkeiten

Die Ereignisse der vergangenen Tage lassen eine Entwicklung erkennen, die weit über den Ukrainekrieg hinausreichen könnte. Nach Jahren der wirtschaftlichen Abkopplung Russlands vom europäischen Energiemarkt wird offenbar bereits darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen russische Ressourcen zurückkehren könnten. Und vor allem: wer daran verdienen würde.

Nach seinem Gespräch mit Putin kündigte Trump russische Diesellieferungen an. Das amerikanische Finanzministerium genehmigte entsprechende Geschäfte bis April 2027. Zunächst geht es um 300.000 Tonnen. Gemessen am amerikanischen Dieselverbrauch ist das keine besonders große Menge. Weitere Lieferungen sind zwar angekündigt, doch stellt sich die Frage, ob die kurzfristige Entspannung des Treibstoffmarktes tatsächlich die ganze Erklärung für diese Entscheidung ist.

Zumal praktisch zeitgleich in Miami Jared Kushner und Steve Witkoff mit ukrainischen und europäischen Vertretern verhandeln. Beteiligt ist auch das amerikanische Finanzministerium. Auf der Tagesordnung stehen Sicherheitsgarantien, Wiederaufbau und die wirtschaftlichen Bedingungen einer möglichen Nachkriegsordnung.

Schauen wir uns an, was parallel geschieht.

Nach Reuters-Informationen sprechen Kushner und der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew über einen möglichen Einstieg amerikanischer Investoren bei Nord Stream. Hinzu kommen Verhandlungen über die internationalen Vermögenswerte von Lukoil. Dabei geht es um Raffinerien, Tankstellennetze und weitere Beteiligungen, möglicherweise unter Einbeziehung der staatlichen amerikanischen Finanzierungsagentur DFC sowie von Investoren aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Das sind keine gewöhnlichen kurzfristigen Energiegeschäfte. Es handelt sich um Vermögenswerte und Infrastrukturen, deren wirtschaftliche Bedeutung weit über einen möglichen Waffenstillstand hinausreicht.

Und damit wird die Angelegenheit interessant.

Amerikanisches Kapital könnte sich an russischer Förderung, Verarbeitung und Transportinfrastruktur beteiligen, während das US-Finanzministerium gleichzeitig über wesentliche Sanktionserleichterungen entscheidet.

Das wäre eine bemerkenswerte Konstruktion. Zunächst wird der Zugang zu russischen Energieressourcen durch Sanktionen eingeschränkt. Russische Unternehmen geraten bei ihren internationalen Vermögenswerten unter Verkaufsdruck. Anschließend könnten neue Investoren einsteigen, bevor die wirtschaftlichen Verbindungen unter veränderten Bedingungen wieder geöffnet werden.

Aus der bisherigen Beschränkung des Energiehandels könnte auf diese Weise ein neues Geschäftsmodell entstehen.

Für Washington wären damit zwei Vorteile verbunden: wirtschaftliche Beteiligungen an künftigen Energiegeschäften und zusätzlicher Einfluss auf die Bedingungen des Handels mit Russland. Die europäischen Staaten müssten über ihre eigenen Sanktionen und Genehmigungen weiterhin selbst entscheiden. Dennoch könnten amerikanische Eigentumsinteressen und Finanzierungsstrukturen ihre Handlungsmöglichkeiten erheblich beeinflussen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel Nord Stream.

Russisches Gas könnte eines Tages wieder nach Deutschland fließen, nur möglicherweise durch eine Infrastruktur, an der amerikanisches Kapital mitverdient.

Für die deutsche Industrie wäre das keine unwichtige Veränderung. Schließlich entscheidet nicht allein der Ursprung eines Energieträgers über wirtschaftliche Abhängigkeit, sondern auch die Kontrolle über Transportwege, Finanzierung, Versicherungen und rechtliche Genehmigungen.

Noch sind solche Geschäfte keineswegs abgeschlossen. Nord Stream ist beschädigt, Sanktionen bestehen fort, und die Bundesregierung lehnt eine Wiederinbetriebnahme ab. Auch die Gespräche über Lukoil belegen für sich genommen keine übergeordnete amerikanisch-russische Vereinbarung.

Es gibt zudem eine wesentlich einfachere Erklärung: Trump benötigt angesichts hoher Dieselpreise vor den Kongresswahlen eine kurzfristige Entlastung. Investoren wiederum interessieren sich für Energievermögenswerte, deren Marktwert unter dem Sanktionsdruck gefallen ist. Beides kann gleichzeitig stattfinden, ohne Teil eines gemeinsamen geopolitischen Plans zu sein.

Dennoch fällt auf, dass sich dieselben Themen und teilweise dieselben Akteure in den Gesprächen über Energiegeschäfte und die künftige europäische Sicherheitsordnung wiederfinden.

Sollten auf die Dieselgenehmigung weitere Sanktionserleichterungen, amerikanische Beteiligungen an russischen Energieanlagen und Vereinbarungen über künftige Lieferwege folgen, würde die These einer umfassenderen wirtschaftlichen Verständigung erheblich an Gewicht gewinnen.

Damit stellt sich auch die Frage nach der Zukunft der bisherigen euroatlantischen Ordnung. Eine längerfristige wirtschaftliche Annäherung zwischen Washington und Moskau könnte insbesondere jene europäischen Regierungen vor Probleme stellen, die ihre Sicherheitspolitik auf eine dauerhafte wirtschaftliche und strategische Abgrenzung von Russland ausgerichtet haben.

Die Ukraine wäre in einem solchen Szenario nur ein Teil einer wesentlich größeren Verhandlung über die künftigen Wirtschafts- und Sicherheitsbeziehungen auf dem europäischen Kontinent.

Und Deutschland?

Nach Jahren hoher Energiekosten und industrieller Standortprobleme könnte sich die Bundesrepublik irgendwann in der Situation wiederfinden, russische Energieressourcen erneut beziehen zu können – allerdings unter Bedingungen, die zunehmend von amerikanischen Investoren und politischen Entscheidungen mitbestimmt werden.

Vielleicht erleben wir gerade den Übergang von der wirtschaftlichen Abschottung Russlands zur Vorbereitung seiner kontrollierten Rückkehr auf den europäischen Energiemarkt.

Die 300.000 Tonnen Diesel wären dann nicht das eigentliche Geschäft, sondern lediglich dessen erster öffentlich sichtbarer Bestandteil.

Wer künftig die Bedingungen des europäischen Energiehandels festlegt, dürfte für die wirtschaftliche Stellung Deutschlands mindestens ebenso wichtig werden wie die Frage, wann in der Ukraine die Waffen schweigen.

#geopolitik@global_affairs_byelena

Elena Fritz

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