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Global Affairs by Elena · Telegram · Beitrag

Atomwaffen verhindern keine Kriege mehr. Was bedeutet das für Deutschland?

Die nukleare Abschreckung funktioniert nach wie vor. Allerdings verändert sich ihre Rolle in der internationalen Sicherheitspolitik erheblich. Darauf weisen die amerikanischen Militärexperten Eric Edelman und Franklin Miller in einem Beitrag für *Foreign Affairs* hin.

Atommächte vermeiden weiterhin eine direkte Konfrontation, die in ihrer gegenseitigen Vernichtung enden könnte. Gleichzeitig nehmen militärische Auseinandersetzungen unterhalb der nuklearen Eskalationsschwelle zu.

Das ist durchaus logisch. Wo der Einsatz von Atomwaffen ausgeschlossen werden soll, sucht man andere Möglichkeiten, den Gegner unter Druck zu setzen. Konventionelle Angriffe, Drohnen, Cyberoperationen, wirtschaftliche Sanktionen und die gezielte Schwächung kritischer Infrastruktur gewinnen dadurch erheblich an Gewicht.

Russland, Indien, Pakistan und Israel mussten trotz ihrer Nukleararsenale konventionelle Angriffe hinnehmen. Atomwaffen können einen Staat vor seiner vollständigen Vernichtung schützen. Vor militärischer Erschöpfung und wirtschaftlichem Niedergang schützen sie ihn nicht.

Ein Gegner muss eine Atommacht also keineswegs besiegen. Unter Umständen reicht es, ihr so hohe Verluste und wirtschaftliche Schäden zuzufügen, dass die Fortsetzung des Konflikts irgendwann mehr kostet, als politisch noch zu verantworten ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Iran. Die Tötung von Ajatollah Chamenei hat gezeigt, wie verwundbar selbst die politische Führung eines Staates sein kann. Atomwaffen könnten deshalb zunehmend auch als persönliche Lebensversicherung der jeweiligen Staatsführung betrachtet werden.

Allerdings birgt bereits der Versuch, sich solche Waffen zu beschaffen, die Gefahr eines Präventivschlags.

Der Iran zeigt noch etwas anderes: Mit der Straße von Hormus verfügt Teheran über ein Druckmittel, dessen wirtschaftliche Wirkung weit über seine eigentliche militärische Stärke hinausreicht. Die Abhängigkeit anderer Staaten von Energie- und Handelswegen lässt sich eben auch ohne Atomwaffen ausnutzen.

Und damit sind wir bei Deutschland.

Unsere Sicherheitspolitik beruht seit Jahrzehnten wesentlich auf dem amerikanischen Schutzschirm. Deutschland besitzt keine eigenen Atomwaffen und ist innerhalb der NATO auf die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten angewiesen.

Nur hilft uns diese Abschreckung wenig, wenn Energieversorgung, Industrie, Stromnetze oder Kommunikationsinfrastruktur zum Ziel eines Konflikts werden.

Deutschland ist als Industriestandort in besonderem Maße verwundbar. Wir haben in den vergangenen Jahren bereits erlebt, was steigende Energiepreise, der Wegfall bisheriger Lieferbeziehungen und die zunehmende Unsicherheit der Versorgung für unsere Wirtschaft bedeuten.

Was geschieht erst, wenn zu diesen Problemen gezielte Angriffe auf Infrastruktur, längerfristige Lieferunterbrechungen oder eine unmittelbare militärische Bedrohung hinzukommen?

Man kann Milliarden in neue Waffensysteme investieren. Wenn gleichzeitig die industrielle Basis erodiert, fehlt irgendwann auch die wirtschaftliche Kraft, diese Verteidigungsfähigkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Eine vernünftige deutsche Sicherheitspolitik müsste deshalb der eigenen wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit widmen wie der militärischen Aufrüstung.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion über nukleare Abschreckung häufig unterschätzt wird.

Jeder konventionelle Angriff auf eine Atommacht, der ohne nukleare Antwort bleibt, kann beim Gegner den Eindruck verstärken, dass noch weitere Eskalationsschritte möglich sind. So verschieben sich allmählich die Grenzen dessen, was militärisch riskiert wird.

Das macht Konflikte keineswegs ungefährlicher. Im Gegenteil. Je häufiger diese Grenzen ausgetestet werden, desto größer wird die Gefahr einer Fehleinschätzung.

Im Februar 2026 ist zudem der New-START-Vertrag zwischen Russland und den USA ausgelaufen. Trump möchte China in künftige Rüstungskontrollverhandlungen einbeziehen. Peking lehnt gleichwertige Beschränkungen angesichts seines deutlich kleineren Nukleararsenals bislang ab.

Ohnehin wird sich die nächste Rüstungsrunde kaum noch allein um die Anzahl atomarer Sprengköpfe drehen. Präzisionswaffen, Drohnen, Satelliten, Raketenabwehr, Cyberfähigkeiten und die Sicherung militärischer Kommunikationssysteme werden zunehmend darüber entscheiden, wie verwundbar ein Staat tatsächlich ist.

Deutschland sollte aus dieser Entwicklung vor allem eines lernen: Wir können unsere nationale Sicherheit nicht dauerhaft auf die militärische Stärke anderer Staaten und deren außenpolitische Entscheidungen stützen.

Zur eigenen Verteidigungsfähigkeit gehören eine leistungsfähige Industrie, eine sichere und bezahlbare Energieversorgung, geschützte Infrastruktur und eine Außenpolitik, die deutsche Interessen konsequent berücksichtigt.

Dazu gehört allerdings auch Diplomatie. Gerade für Deutschland, mitten auf dem europäischen Kontinent, muss es ein vorrangiges Interesse sein, eine weitere Eskalation zwischen den Atommächten zu verhindern und wieder zu tragfähigen Rüstungskontrollvereinbarungen zu gelangen.

Denn am Ende nützt uns die stärkste Abschreckung wenig, wenn unser Land bereits wirtschaftlich und politisch schweren Schaden nimmt, lange bevor überhaupt die Schwelle eines Atomkrieges erreicht ist.

#geopolitik@global_affairs_byelena

Elena Fritz